Individualpsychologie und Kindererziehung
Die Individualpsychologie stellt die menschlichen Beziehungen in den Mittelpunkt. Rudolf Dreikurs – ein Schüler Alfred Adlers – war beeindruckt davon, wie Adler die Erfahrungen aus Psychiatrie und Psychotherapie für die Erziehung nutzbar machte und dabei auch die soziale Frage berücksichtigte. Er übernahm von Adler den Ansatz, dass die Familie dafür zuständig sei, die Kinder zu Selbständigkeit, Mut, Verantwortungs- und Gemeinschaftsgefühl zu erziehen.
Mitgefühl und Achtung für die Eltern ist genau so wichtig, wie der Respekt vor der kindlichen Persönlichkeit. Im Zentrum der Erziehungsmethodik nach Adler und Dreikurs steht die allgegenwärtige Frage: „Bin ich dem Kinde gegenüber respektvoll, indem ich seine Bedürfnisse und Fähigkeiten beachte, es weder über- noch unterfordere, es nicht degradiere, nicht überbehüte, sondern ihm und seinen Fähigkeiten vertraue?“
Doch direkt daneben steht die Frage: „Bin ich mir gegenüber respektvoll, indem ich mit freundlicher Bestimmtheit auf die Einhaltung von Grenzen und Vereinbarungen achte, und auch meine berechtigten Anliegen Berücksichtigung finden, selbst wenn pädagogisches Handeln manche persönliche Einschränkung erfordert?“
Eltern und Kinder sind für Rudolf Dreikurs also gleichermaßen wichtig, damit die Methodik funktionieren kann. Nur dann, wenn beide Seiten zufrieden sind, kann es zu Hause Harmonie geben. Nach Dreikurs gibt es vier psychologische Grundbedürfnisse, die erfüllt sein müssen, damit das Kind seine eigene Identität finden und zu einem Teil der Gemeinschaft werden kann. Werden seine Ziele nicht verstanden und diese Bedürfnisse nicht befriedigt, versuchen Kinder, die Befriedigung auf andere Weise zu erreichen – was sich häufig in einem Verhalten äußert, das dem Zusammenleben von Eltern und Kindern wenig zuträglich ist.
Die vier psychologischen Grundbedürfnisse des Kindes:
- Das Bedürfnis dazuzugehören, d.h. sich mit anderen verbunden zu fühlen
- Das Bedürfnis besser zu werden, zu wachsen, zu lernen
- das Bedürfnis, ein Gefühl der eigenen Bedeutung zu haben – wertgeschätzt und gebraucht zu werden
- das Bedürfnis nach Ermutigung

